Besser ein guter Atheist als ein schlechter Christ!

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Ein Beitrag vom Nachtwächter am 06.11.2014


Exklusiver Gastbeitrag von Stefan Mudry


Unentschlossen – auf der Suche nach der Wahrheit zwischen Garten Eden und Fegefeuer auf der einen Seite und dem ‚puren Nichts‘ auf der anderen – habe ich mich vor langer Zeit mit den Sprachkenntnissen der ersten Menschen aus den ganz frühen Tagen unserer Geschichte beschäftigt. Das war sehr aufschlussreich, denn gerade auf den Spuren unserer Vorfahren, die kaum Spuren hinterließen, lässt es sich sehr gut nachvollziehen, dass ein ewiges Leben im besten Fall ein ewiger Traum ist und dass die Geschichte vom Leben nach dem Tod – so tröstend sie manchen auch erscheinen möge – nichts anderes als eine Mega-Einnahmequelle bedeutet. Auch wenn es ein angenehmer Gedanke ist, das kommende Dasein im Paradies zu fristen, entschied ich mich für die andere Seite: Für das ‚pure Nichts‘, den Atheismus. Andere zu belügen, ist schlecht. Sich selbst zu belügen, ist aber noch schlechter, egal wie schlecht die Zeiten schon sind oder wie schlecht sie noch werden.

Menschen, die in grauer Vorzeit lebten, konnten sich die ‚Frage aller Fragen‘ nicht stellen. Dazu fehlte ihnen das Vokabular. Aber ist es von Seiten der Sieben-Tage-Schöpfungs-Theoretiker nicht unfair, unseren Vorfahren aus diesem Grund den Zugang zum Paradies zu verweigern? Schließlich haben sie Millionen von Jahren Vorarbeit für uns geleistet. Waren zig-tausende Generationen vom ewigen Leben ausgeschlossen, weil unsere frühen Artgenossen genau diese Zeit brauchten, das größte Projekt in der Geschichte der Menschheit – die Sprache – voranzutreiben? Anfangs schafften sie möglicherweise alle tausend Jahre ein Wort. Schließlich kam alle hundert Jahre ein Wort hinzu, dann alle zehn Jahre und irgendwann konnten unsere Ahnen einen Satz bilden. Wo sind aber ihre Seelen? Sie haben neben der Sprache den aufrechten Gang entwickelt, das Rad erfunden und das Feuer entdeckt. Sie haben aus uns gemacht, was wir heute sind. Aber niemand sprach sie heilig. Es gibt keinen Santa Neandertala und genauso wenig erstrebt es die Kirche, in die Tiefen des Olduvai Tals hinabzusteigen. Aber dort lauert die Wahrheit, mit welcher religiöse Wunschdenker nicht viel am Hut haben.

Dazu die folgende Theorie: Möglicherweise vor fünf Millionen Jahren kam eine Gruppe von Affen in Ostafrika aus dem Dschungel, um neue Reviere zu ergründen. Ein Teil der Gruppe kehrte umgehend in den Urwald zurück, weil es dort einfacher war, Nahrung zu finden; sie sind heute noch Affen. Der andere Teil der Gruppe stellte sich der Herausforderung der Nahrungssuche in der Savanne. Um unter erschwerten Bedingungen überleben zu können, sahen sie sich gezwungen, ein besseres Hirn zu entwickeln. Aus dieser Gruppe entstanden die Menschen – mittlerweile mehr als sieben Milliarden. Die in den Dschungel zurück gekehrte Gruppe ist seit einigen Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Aber das ist ein anderes Thema.

Plus500Wie lange unsere Ahnen brauchten, ein Großhirn zu entwickeln, sei dahin gestellt, denn das ist nicht entscheidend. Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass diese Kreaturen noch nicht reden konnten. Und zwar kein einziges Wort, denn sie waren ja noch Tiere, aus welchen gerade erst Menschen wurden. Im Laufe der folgenden Millionen Jahre legten sie ‚den Affen‘ immer weiter ab und schließlich wurden aus ihren Lauten erste Worte. Diese beschrieben logischerweise die wichtigsten Dinge: Wasser, Essen, Feuer und Ähnliches. War einerseits zu diesem Zeitpunkt die Definition des Menschseins erfüllt, so vermochten diese Leute andererseits mit einem Mini-Vokabular noch nicht, über anspruchsvolle Dinge zu philosophieren. Daher waren sie nicht in der Lage, irgendwelchen Göttern zu huldigen. Worte mit religiösem Hintergrund hatten damals noch keine Priorität. Diese entstanden erst im Laufe der folgenden Jahrtausende.

Sprachen entwickelten sich also über einen sehr langen Zeitraum. Ohne Sprachen kann es aber keinen Glauben geben. Und ohne Glauben – so lehren es die Schriften – bleibt der Weg zum Paradies verschlossen. Erst mit der Sprache konnten Menschen Geschichten erfinden, die ein Leben nach dem Tod beschrieben. Und erst mit der Sprache entstand das Bewusstsein, sterben zu müssen. Zuvor verendeten Menschen wie Tiere, ohne es vorher zu wissen und sie verfaulten dort, wo sie starben. Vor dem Zeitalter der verbalen Kommunikation war niemand gezwungen, sich Zeit Lebens auf den Tod vorzubereiten. Menschen empfanden Angst, von anderen Menschen und Tieren gejagt, getötet und gegessen zu werden, aber sie hatten keine Angst vor einem natürlichen Tod.

Diese Angst entstand erst, als die Sprache ein gehobenes Niveau erreicht hatte. Damit nahmen Religionen ihren Lauf und das Geschäft mit der Furcht vor dem Tod begann. Denn wer ein ewiges Leben erhofft, ist in der Regel bereit, dafür eine Gegenleistung zu erbringen. Und wer es verstand, den Vorteil des Wortes zu nutzen, lag auch damals – als die ersten Sprachen entstanden – schon ganz vorne. Je weiter die Sprache entwickelt war, desto besser diente sie als Werkzeug, andere zu belügen, auszubeuten und zu unterdrücken. Wie wir alle wissen, sind diese Taktiken heute bis zum höchsten Grad vollendet und werden solange Anwendung finden, wie es Menschen gibt, die auf ein ewiges Leben hoffen und sich dafür missbrauchen lassen.

Ich habe diesen Artikel geschrieben, weil ich immer wieder gefragt werde, welche religiöse Weltanschauung ich auf der Finca Bayano vertrete. Was mich betrifft, so bin ich besser ein guter Atheist als ein schlechter Christ. Zukünftige Bewohner der Finca können ihren Glauben frei entfalten, solange sie anderen damit keinen Schaden zufügen.


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